Roland BAUER – Universität Salzburg ALD-DM: FWF–Projekt P14566-G01

Endbericht 2003

1. Ergebnisse, 2. Projektablauf, 3. Außenwirkung

 

1. Wichtigste Ergebnisse:

1.1.

Unter Rückgriff auf das im Projekt eingesetzte und dabei maßgeblich erweiterte Software-Paket VDM ( Visual DialectoMetry ) können nun zu jedem unserer 217 Ortsdialekte mittels einfachen Mausklicks so genannte Ähnlichkeitsprofile (in Form mehrfärbiger Karten) generiert werden. Diese erlauben es u.a., die Position des gewählten Ortsdialekts innerhalb einer Sprachlandschaft/eines Sprachsystems näher zu beleuchten. Dadurch können Fragen nach der Einbettung, dem Einzugsbereich, der räumlichen Ausstrahlung bzw. der Abgrenzung der Dialekte beantwortet werden. Dabei können verschiedenste Filter gesetzt werden, die es erlauben, sowohl den zu beobachtenden geographischen Raum (Gesamtnetz vs. einzelne Sprachlandschaften) als auch den dabei verwendeten Merkmalsraum (linguistische Kategorien wie Phonetik, Lexikon, Morphosyntax) einzugrenzen.

1.2.

Die unter 1. genannten Einsichten können auch bezüglich zweier, künstlich in das Untersuchungsnetz eingestreuter Vergleichspunkte (Standarditalienisch u. Standardfranzösisch) gewonnen werden, um solcherart die Relationen (sprachliche Ähnlichkeiten u. Distanzen) zwischen den oberitalienischen bzw. rätoromanischen Dialekten und den beiden genannten Hochsprachen herauszuarbeiten. So sei etwa bezüglich des Französischen darauf verwiesen, dass sich die Romania continua hier insofern bemerkbar gemacht hat, als aus der Sicht des Französischen das Standarditalienische als lexikalisch am ähnlichsten in Erscheinung tritt, was auf einen offensichtlich panromanisch vorhandenen Wortschatzsockel hindeutet.

1.3.

Neben der Visualisierung der o.a. Ähnlichkeitskarten, die Einblicke in die Oberflächenstrukturen des Beobachtungsraumes ermöglichen, stehen im Datensatz des Projekts auch eine Reihe synoptischer Heuristika zur Verfügung, anhand deren sprachgeographische Tiefenstrukturen erkennbar werden. Dabei handelt es sich um die synoptische Verwertung statistischer Kennwerte von Häufigkeitsverteilungen. Dazu zählen u.a. die Synopse der Schiefen (dient zur Erkennung von dialektalen Kerngebieten und von Übergangszonen bzw. dialektalen “Kampfgebieten)” oder die Synopse von minimalen und maximalen Ähnlichkeitswerten. In diesem Zusammenhang wurde das Heuristikum der so genannten Antipodenkarte sowohl bezüglich seiner graphischen Gestaltung als auch bezüglich der Steuerungsmöglichkeiten seitens des Benutzers im Projekt ALD-DM neu definiert. Neben einer statischen Antipodenkarte, die jene Ortsdialekte ausweist, die aus der Sicht zumindest eines anderen Messpunkts die geringste Ähnlichkeit aufweisen, kann nunmehr auch eine dynamische Antipodenkarte abgerufen werden, anhand derer die Herkunft der minimalen Ähnlichkeitswerte pro Antipode abgelesen werden kann. Beide Kartentypen erlauben die Aufdeckung von Spannungsverhältnissen innerhalb des beobachteten Raums, wobei das in der Peripherie gelegene Bündnerromanische und das dominante Macrosystem des Italo-Venedischen als besonders polarisierend (gleichsam “Haupt-Störenfriede”) in Erscheinung treten.

1.4.

Als eines von mehreren Kernresultaten sei ferner erwähnt, dass (nach Maßgabe der dialektometrischen Analyse) die größte geotypologische Differenzierung des 24.500 km 2 großen Beobachtungsraumes (Graubünden, Lombardei, Trentino, Veneto, Dolomitenladinien, Friaul), die zugleich dem dabei ältesten Ausgliederungsvorgang aus einer imaginären, romanischen Ureinheit entspricht, heute zwei klar voneinander zu trennende Sprachtypen betrifft, nämlich einerseits das Rätoromanische und andererseits das Oberitalienische. Schon im Rahmen erster Einsichten in die dialektometrischen Oberflächenstrukturen zeigte sich, dass die drei rätoromanischen Teilgruppen (Bündnerromanisch, Dolomitenladinisch, Friaulisch) immer dann als eine vom Oberitalienischen gänzlich differenzierte Sprachfamilie auftraten, wenn der Referenzpunkt, von dem aus die interdialektalen Ähnlichkeiten bzw. Distanzen gemessen wurden, außerhalb des rätoromanischen Sprachgebiets zu liegen kam. Diese Erkenntnis könnte – so hoffen wir – dazu beitragen, der klassifikationsfeindlichen (typophoben) Philosophie der Gegner einer rätoromanischen Sprachfamilie, die selbiges (oder zumindest einzelne Teilgruppen daraus) zum italienischen Sprachtyp schlagen und ihm somit jegliche Eigenständigkeit verwehren, aus dialektometrischer Sicht Wind aus den Segeln zu nehmen und somit die im Bereich der Italianistik bzw. Rätoromanistik seit rund 100 Jahren schwelende Streitfrage um das Rätoromanische (die so genannte “questione ladina”) entschärfen zu helfen.

1.5.

Besonders ergiebig waren die dialektometrischen Ergebnisse bezüglich des trentinischen Dialektraums . Dort lässt sich nämlich weder die in der dialektologischen Fachliteratur nach wie vor behauptete Klassifikation einiger nordwest-trentinischer Mundarten (Noce-Tal: Sulzberg und Nonsberg) als “halbladinisch” noch die Zuordnung eines Teils dieser Dialekte (oberer Sulzberg) zum Alpinlombardischen rechtfertigen. Die genannten Varietäten erscheinen hingegen klar an das zentral­trentinische, heute zunehmend vom Venedischen beeinflusste System angebunden. Der trentinische Zentralraum, der sich entlang der Etsch vom Bozner Unterland bis an die Südgrenze der Provinz Trient erstreckt, tritt bei allen dialektometrischen Einzelanalysen als sehr kompakte Klasse in Erscheinung, so dass auch die in den Handbüchern überlieferte, zwischen Trient und Rovereto liegende Murazzi-Grenze, die historisch gesehen der Nordgrenze der Republik Venedig im 15. Jh. entspricht, offensichtlich ausschließlich auf Merkmalsillusionen , i.e. auf speziell gewählten Sprachmerkmalen (Einzelisoglossen) beruhen dürfte und mittlerweile als realiter nicht mehr feststellbare und somit mythische Sprachgrenze charakterisiert werden kann.

2. Projektablauf:

Das Projekt wurde ursprünglich für zwei Jahre (2001 und 2002) beantragt bzw. genehmigt. Da sich jedoch kurz nach dem Projektstart herausstellte, dass es aus verschiedensten Gründen nicht möglich war, die beantragte ganze Personalstelle über längere Zeit mit einer Einzelperson oder mit zwei Halbbeschäftigten zu besetzen, griffen wir auf das Instrument der Werkverträge zurück, über welches (abgesehen von kurzfristigen Einzelverträgen) in Summe sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erfolgreich an das Projekt gebunden werden konnten. Darunter befanden sich – dies sei hier als besonders positiv hervorgehoben – u.a. zwei studentische Mitarbeiter aus dem Nachwuchs des hiesigen Instituts für Romanistik, die mittlerweile in benachbarten Forschungsprojekten weiterverwendet werden. Diese Personalstrategie hat sich zwar arbeitsseitig vollauf bewährt, verunmöglichte allerdings den für Ende 2002 geplanten Projektabschluss. Deshalb wurde um aufkommensneutrale Verlängerung um ein weiteres Projektjahr angesucht, die im Dezember 2002 genehmigt wurde.

Alle im Projektantrag (März 2000) formulierten Ziele können mit Projektabschluss als 100%ig erreicht gelten. In einigen Punkten konnten überdies zusätzliche Leistungen erbracht werden, wie z.B. die ursprünglich auf Grund des großen Arbeitsaufwands nicht geplante Einbeziehung eines standardfranzösischen Kunstpunkts oder aber wesentliche Neuerungen und Komfortverbesserungen des Software-Pakets VDM, die nun – im Sinne intra- wie interdisziplinärer Synergien – auch auf andere dialektometrische Corpora (zu Frankreich, Italien, England usw.) bzw. auf onomastische und geogenetische Corpora angewandt werden können.

3. Außenwirkung des Projekts (siehe):

Salzburg, im März 2004